Über das Pech zufällig als Deutscher geboren worden zu sein

Als Blogger lebt man nicht isoliert, sondern bewegt sich im Kreis anderer Menschen, die regelmäßig ihre Ansichten zu gewissen Themen äußern. Zu vielen hat man guten Kontakt und freut sich, wenn sie sich auf einen beziehen. Eines meiner Lieblings-Blogs als Staatenlos noch gar nicht online war, war der Wireless Life Blog von Sebastian. Ich schätze seine Arbeit sehr und kann ihn als Ergänzung zu meinen Themen wärmstens empfehlen. Nicht immer kann ich aber mit seinen Ansichten übereinstimmen. In einem aktuellen Artikel geht er auf das ständige „Mies machen“ von Deutschland ein und auf die angeblichen Privilegien, die wir als deutsche Staatsbürger hätten. Er schließt daraus, dass wir unserem Land doch eigentlich dankbar sein müssten. Verbinden tut er dies mit der Frage nach der „Heimat“.

Von dieser Dankbarkeit halte ich sehr wenig. Dankbar bin ich Sebastian freilich für den Diskussionsanstoß. Daher möchte ich in diesem Artikel untersuchen, wie es wirklich mit dem Privileg steht, Deutscher zu sein.

 

Mich für das „Pech als Deutscher geboren worden zu sein“ noch zu bedanken kommt mir nun wirklich nicht in den Sinn.

 

Und wie sieht es bei Dir aus?

 

Machen statt pöbeln

Erst einmal zu den treffenden Ansichten im Artikel „Über Weltenbürger, Heimat und das große Glück Deutscher zu sein“

Nicht nur ihm, sondern auch mir – und schätzungsweise vielen anderen Ortsunabhängigen, geht die tägliche Pöbelei in Sozialen Netzwerken, Kommentarspalten von Nachrichtenportalen oder auch im realen Leben ziemlich auf die Nerven.

Zwar sehe ich die politische Lage in Deutschlans tatsächlich als unerträglich an und rate Jedermann das Land zu verlassen, teile aber ansonsten ganz Sebastians Meinung:

 

Wem es in Deutschland nicht gefällt, der hat ca. 200 gute Optionen. Wer etwas an einer unbefriedigenden Situation ändern will, der sollte das tun, aber bitte nicht in Kommentaren oder im Facebook Newsfeed. Und wem das alles zu viel ist, der sollte ganz einfach keine Nachrichten mehr konsumieren.

 

Dieses treffende Zitat bringt das Grundproblem unserer heutigen Zeit auf dem Punkt. Es gibt Tausende von Mitläufern, aber nur selten ist ein Macher darunter. Statt sich lösungsorientiert um ihre privaten Herausforderungen zu kümmern, lassen die Wutbürger ihren selten rationalen Meinungen freien Lauf. Sie fluchen, pöbeln, beleidigen und werden manchmal sogar handgreiflich. Oder sie diskutieren über Verschwörungstheorien, die ungeachtet ihres Wahrheitsgehaltes letztlich niemanden weiterbringen. Sie sehen die Probleme als gegeben an und versuchen Sündenböcke dafür zu finden – ob es Mutti Merkel, der Rothschild-Clan oder die Echsenmenschen sind. Sie sind problem-orientiert und sehen nicht die Lösungen. Wenn sie sie sehen, erfinden sie Ausreden. Ihnen fehlt die Mentalität, offen ihre in meinem Buch „Die Staatenlos-Mentalität“ beschriebenen Freiheitsfallen anzugehen.

 

Das große Problem der deutschen Gesellschaft ist ihr problem-orientiertes Mitläufertum.

 

Sich im Chor der Flüchtlingsbefürworter wie -gegner einzureihen ist einfach, unabhängige Lösungen zu finden jedoch deutlich schwieriger. Wie ich in meinem Beitrag zu 5 Möglichkeiten eines Flüchtlings nach Deutschland einzuwandern anklingen ließ, hat nur eine winzige Minderheit das Schwarz-Weiß-Denken überwunden und versucht lösungsorientiert den Flüchtlingen zu helfen und gleichzeitig das völlig gescheiterte Asylsystem zu kritisieren.

Wie beim kontroversen Flüchtlingsthema verhält es sich mit Dutzenden anderen Themen. Das Internet bietet unzählige verschiedene Ansichten, letztlich polarisieren große Massen aber entlang 2 fester Linien in gegenseitiger Opposition. Manche philosophieren vielleicht über eine Lösung für die Gesellschaft.

 

Über eine Lösung für sich selbst kümmert sich fast niemand. Auch wenn er der These vom unrettbaren Verfall Deutschlands durchaus offen gegenübersteht.

 

Über das Pech als Deutscher geboren worden zu sein

In Hinblick darauf sind Beiträge wie Sebastians ein Lichtermeer im Ozean der Ignoranz. Trotzdem tue ich mich schwer mit seinen Ansichten zur Dankbarkeit, Deutscher zu sein.
Er schreibt, dass wir alle mit Privilegien geboren worden seien, mit Traditionen aufgewachsen wären und ja immer noch den Reisepass als Zugehörigkeit zu Deutschland hätten. Selbst wenn wir uns irgendwann mehr mit fremden Kulturen identifizieren würden, so blieben wir immer deutscher Staatsbürger. Um ihn seine Dankbarkeit selbst ausdrücken zu lassen:

 

Ich bin dankbar dafür, dass ich das große Glück hatte in einem Land geboren worden zu sein, in dem kostenlose Bildung gewährleistet wird, in dem es ein weitreichendes Sozialsystem gibt und in dem Meinungsfreiheit herrscht. Nicht zuletzt bin ich dankbar dafür, einen Reisepass zu haben, der es mir ermöglicht, in fast allen Ländern der Welt problemlos ein- und auszureisen.

 

Zugegeben: ich bin nicht dankbar!

Soll ich dankbar sein in einem Land geboren worden zu sein, das mich 13 Jahre in Zwangsanstalten versklavt und mich in die Psychatrie steckt, wenn ich nicht gehorche?

Soll ich dankbar dafür sein bis zu 80 Prozent meines Einkommens für einen überbordenden Sozialstaat auszugeben, der weder mir noch meinen Angehörigen nützt, sondern viel mehr großen Ärger beschert?

Soll ich dankbar sein für eine angebliche Meinungsfreiheit, die mir letztlich kein Recht garantieren kann außer meine eigenen Handlungen?

Soll ich letztlich noch dankbar für einen Reisepass sein, dessen Besitz mir laut linksgrünen Fantasien in Zukunft weltweite Besteuerung bringen könnte und laut feuchten Träumen von CDUlern ein Pflichtdienst für junge Leute beinhaltet?

 

„Soll ich wirklich dankbar sein, in einem Land geboren worden zu sein, das ich mir selbst nicht ausgesucht habe?

 

Ich bin nicht dankbar. Dankbar könnte ich nur sein, wenn ich meine derzeitige Situation als fix ansehen würde. Wenn meine Lebensumstände für immer an meine deutsche Staatsbürgerschaft gekettet wären.

Das ist sie aber nicht. Ich kann mir ein Leben designen, wie ich es mir vorstelle. Du kannst es auch! Und ich kann auch nach Belieben meine Staatsbürgerschaft wechseln, wenn ich die dazu nötigen Schritte unternommen habe!

 

Du kannst es auch: Weil Dein Leben Dir gehört. Nicht dem deutschen Staat…

 

Mit der Bildung ist es so eine Sache. Natürlich kann man argumentieren, dass ich ohne deutsche Bildung nicht in der Lage wäre diesen Blog zu führen. An der empirischen Realität führt dies aber vorbei. Zu oft werden die Opportunitätskosten vergessen, die 13 Jahre Zwangsschule mit sich bringen. Was hätte ich alles mit meiner Zeit anfangen können, wenn ich sie nicht mit dem Erwerb von Wissen, das ich nicht brauche, vergeude oder durch ungünstige Sozialkonstellationen unterdrückt mich nicht vernünftig entwickeln konnte? Terror auf Schulhöfen und in Klassenzimmern ist längst kein Einzelfall und verlagert sich nach Schulende mit Hausaufgaben weiter nach Zuhause. Alternativen sind Schulverweigerung und wahrscheinliche Einweisung in die Psychatrie oder extrem unproduktives Zeit absitzen mit entsprechendem psychischen Druck durch schlechte Noten und vor allem Verlängerung der Torturen durch „Ehrenrunden“. Für jeden rationalen jungen Menschen – wie auch mich – ist Minimaleinsatz für einen ausreichenden Abschluss da am vernünftigsten, während man nebenbei sich selbst weiterbildet. Aus Alternativlosigkeit Dankbarkeit abzuleiten finde ich daher gewagt.

Sozial-Leistungen sind ein weiterer Punkt, den man sehr skeptisch sehen sollte. Letztlich ist der Sozialstaat „die große Fiktion nach der jeder auf Kosten eines anderen Leben möchte“. Ohne hier allzu genau werden zu wollen erstickt der Sozialstaat Anreize zur persönlichen Produktivität zugunsten dem Ausnutzen von Sozialleistungen. Schließlich ist es nur rational seine eigenen gezahlten Steuern – und allein an Verbrauchs-Steuern ist das für junge Menschen genug – oder gar die seiner Eltern wiederhaben zu wollen. Ein Stipendium einer Begabtenförderung etwa nicht anzunehmen ist ein handfester Wettbewerbsnachteil. So entsteht ein Wettlauf um alles staatliches Geld, wie die Gier junger deutscher Start-Ups nach Subventionen allzu gut für Augen führt. Ohne könnte man schließlich mit seinen Mitbewerbern nicht mithalten. Ein Teufelskreis entsteht, der in einer Spirale nach dem Wunsch von immer mehr Umverteilung endet. Dass so bereits mehr als die Hälfte der Deutschen vom Staatsgeld abhängig sind trägt zur Unreformierbarkeit des Systems über demokratische Mehrheitsabstimmungen nur bei. Von den anderen negativen Auswirkungen und Anreizen eines Sozialstaates gar nicht zu sprechen. Um sich vor Lebensrisiken abzusichern könnte es private Versicherungen, Genossenschaften und gesellschaftlich-institutionelle Charity geben – wenn sie denn erlaubt wären oder mit Umverteilungssystemen konkurrieren könnten. Dankbar für die Nicht-Existenz privater Vorsorgeleistungen bin ich sicher nicht.

Meinungsfreiheit ist trotz seiner theoretischen Existenz in Deutschland ein Recht, das der Staat einräumt, aber jederzeit wieder entziehen kann. Die einzige Meinungsfreiheit haben Menschen, die sich selbst um sie kümmern. Etliche Menschen in China und anderen Ländern sagen frei ihre Meinung, obwohl sie negative Folgen befürchten müssen. Indem sie verschlüsselt über das Internet kommunizieren und in den richtigen Ländern ihre Webpräsenz aufbauen gelingt ihnen das. Meinungsfreiheit ist mir persönlich deutlich weniger wichtig als Schaffensfreiheit, eine Freiheit, die mir Deutschland extrem verwehrt. Soll ich dafür dankbar sein? Wenn ich meine Meinung in die Welt herausposaunen möchte, finde ich Wege es zu tun. Genauso bin ich aber auch frei meine Meinung zu vielerlei Themen für mich zu behalten. Und wenn ich aus Deutschland heraus bin, braucht mir niemand meine Meinungsfreiheit zu garantieren. Andere Staaten kümmert nicht, was ich denke, sofern ich nicht ihre nationalen Interessen gefährde. Da ich kein Recht zur demokratischen Mitbestimmung habe ist dies in der Regel irrelevant. Mit einer Abmeldung aus Deutschland habe ich gleichzeitig mein Wahlrecht weitgehend aufgegeben (eine Beantragung ist freilich möglich). Mich für meine Meinung im Ausland zur Rechenschaft zu ziehen fällt keiner Regierung im Traum ein, sofern ich keine Regierungsgeheimnisse preisgebe oder mich anderweitig als Whistle-Blower betätige.

Kommen wir zum Thema Reisepass, was vielleicht das stärkste Argument ist. Nichtsdestotrotz sollte man sich fragen, was ein Reisepass ist. Ermöglicht ein Reisepass Freiheit – oder ist er nicht vielmehr ein Kontrollinstrument um Personen in ihrer Freiheit einzuschränken? Reisepässe sind schließlich eine Erfindung der Neuzeit. Bis zum Ersten Weltkrieg gab es keine Reisepässe und Einwanderungsbeschränkungen nur sehr selten (totale Isolation Japans etwa). Die Grenzen waren durchlässig und ein Wettbewerb von Kleinstaaten sorgte in Europa für eine nie da gewesene Entwicklung, sowohl wirtschaftlich als auch kulturell. Mit der Erfindung des Reisepasses kamen die nationalen Grenzen. Und je geschlossener diese für Angehörige anderer Staaten sind, je eher rächt sich dies an der eigenen Bevölkerung. Dass Deutsche eine Spitzen-Reisefreiheit haben ist sicher nicht dem deutschen Staat zu verdanken. Ohne ihn gäbe es gar keinen Grund sich darüber überhaupt Gedanken zu machen. Die deutsche Staatsbürgerschaft ist ein Werkzeug um sich in der heutigen Realität frei fortbewegen zu können. Genauso kann man aber andere Staatsbürgerschaften erwerben, die einem die gleichen oder noch viel mehr Möglichkeiten bieten. Eine Möglichkeit übrigens, die jeder nutzen kann und die viele Menschen aus nicht-„privilegierten“ Ländern auch in Anspruch nehmen. Denn die deutsche Geschichte zeigt, dass der Entzug des Reisepasses zur Verhinderung der Republikflucht ein gerne genutztes Mittel war. Der Reisepass ist letztlich ein politisches Kontroll (biometrisches Foto, Fingerabdrücke) und Unterdrückungsmittel (Androhung von Verlust). Sollen wir wirklich dafür dankbar sein?

Denn letztlich haben wir uns den Staat nicht ausgesucht, in dem wir geboren wurden. So dankbar wir unseren Eltern sein können, dass sie uns geboren haben, so wenig können wir dankbar sein, dass die Geburt in Deutschland erfolgt ist. Clevere Eltern hätten uns nämlich bereits von Geburt an zwei Staatsbürgerschaften mitgegeben.Unsere Eltern, Großeltern usw. konnten sich letztlich auch nicht entscheiden, wo sie geboren wurden. Sie wurden zufällig in einem Land geboren, dessen Regeln sie nie zugestimmt haben. Einen Gesellschaftsvertrag haben sie niemals abgeschlossen. Ihren Zwangsbesuch von Schule als implizite Zustimmung zu sehen ist zynisch. Zu Systembürgern herangezogen hinterfragen die meisten Menschen das System oft gar nicht, in das sie zufällig hineingeboren wurden. Das ist bedauerlich. Denn jeder kann sich vom hypothetischen Gesellschaftsvertrag befreien und ein Leben nach seinen Wünschen führen.

Für diese Möglichkeit sollten wir dankbar sein.

  • Ich bin dankbar für den Staat, der mich temporär innerhalb seiner Grenzen duldet.
  • Ich bin dankbar für den Staat, in dem ich ein steuerfreies Unternehmen eröffnen kann.
  • Ich bin dankbar für den Staat, der die Bedingungen bietet ein gutes Offshore-Konto zu eröffnen.
  • Ich bin dankbar für den Staat, der mich wegen Besitz von weißen Pulver, meiner Poker-Leidenschaft oder „abnormaler“ Sexualvorstellungen nicht ermordet.

 

Aber ich bin nicht dankbar für den Staat, indem ich zufällig hineingeboren wurde und der mir das Leben innerhalb seiner Grenzen täglich erschwert. Ich bin nicht dankbar Deutscher zu sein, ich bin allenfalls dankbar das Werkzeug des deutschen Passes solange nutzen zu können, wie ich damit nicht übermäßig kontrolliert und eingeschränkt werde. Ich empfinde es nicht unbedingt als „Pech als Deutscher geboren worden zu sein“. Der Titel ist bewusst provokativ gewählt.

 

Aber ich empfinde es als großes Pech meine zufällige Geburt in Deutschland in irgendeiner Art und Weise meine Identität und mein Leben bestimmen zu lassen!

 

Das Leben in Deutschland mag mit vielen Vorteilen verbunden sein. Aus der Perspektive eines Nicht-Netto-Steuerzahlers auf jeden Fall. Für Netto-Steuerzahler zumindest scheinbar. Ihnen sind ihre Alternativen offenbar nicht bewusst.

 

Was ist Heimat?

Verbunden damit stellt Sebastian eine interessante Frage, über die es sich lohnt nachzudenken. Wie vor ihm Tim Chimoy möchte er eine Diskussion anstoßen was eigentlich Heimat bedeutet. Seiner Grundthese kann ich dabei bis auf den ersten Punkt völlig zustimmen.

 

Wir sind Deutsche und werden dies auch immer bleiben. Aber natürlich sind wir viel mehr als das. Neben dem Stereotyp sind wir die Gesamtheit unserer Erfahrungen. Wir sind mehr als ein Reisepass. Unsere Vorlieben, Beziehungen und Umstände bestimmen wer wir sind.

 

Dass wir Deutsche sind und dies auch immer bleiben sehe ich nicht so. Ich habe mich etwa nie als Deutscher gefühlt. Auf der kleinen Ebene bin ich vielleicht noch Ostwestfale, auf der großen Ebene Weltbürger. Ich verstehe mich als Herforder, Wahl-Konstanzer, Malteser, Madrilene, Kiwi und Gringo – aber eben nicht als Deutscher. Nur weil mein Pass mir die deutsche Staatsbürgerschaft zuteilt, werde ich nicht immer Deutscher bleiben müssen.

So kann ich schließlich eine andere Staatsbürgerschaft annehmen und die Deutsche aufgeben. Ich habe endlich eine freiwillige Entscheidung treffen können und mit der Naturalisation in ein anderes Land deren Gesellschaftsvertrag explizit anerkannt. Natürlich kann ich mich danach weiterhin als Deutscher fühlen, obwohl ich das Stück Papier, das es beweist, nicht mehr habe. Genauso kann ich mich als Bürger meines neuen Staates oder jedes anderen Landes fühlen – oder Europa und der ganzen Welt.

So muss man nur einmal etliche derjenigen Leute fragen, die seit Jahrzehnten in Deutschland leben, als Migranten aber immer noch keinen deutschen Pass haben. Diese fühlen sich deutsch und sind deutsch, ihnen fehlt aber der deutsche Pass. Aus der zufälligen Geburt und den damit verknüpften Pass abzuleiten, wer eine Person wirklich sei, halte ich daher für sehr verkürzt.

 

Wir müssen nicht Deutsche bleiben, wenn wir nicht wollen. Aber wir können es.

 

Freilich hat Sebastian im weiteren Verlauf seines Zitats völlig Recht. Wir haben unterschiedliche Präferenzen, die die Einzigartigkeit eines jeden von uns ausmachen. Doch brauchen wir alle eine Heimat?

Auch ich würde dem zustimmen, aber sie nicht an mein zufälliges Geburtsland ketten wollen. Wie Tim Chimoy finde ich das Konzept der Multi-Lokalität sehr interessant. Die Idee dahinter ist, dass es nicht der eine Ort sein muss, an dem man sich zuhause fühlt, sondern eine Homebase an mehreren Orten hat.

Diese muss man freilich erst einmal finden. Als junger Perpetual Traveler möchte man vielleicht erst einmal die weite Welt sehen ohne sich wirklich irgendwo zu Hause fühlen zu können. Schließlich wartet das nächste spannende Ziel, das alles bisher dagewesene in den Schatten stellen könnte. Die Heimat muss erst gefunden werden.

Sich nicht festlegen zu können oder zu wollen würde ich dabei nicht als Problem ansehen.

 

Die junge Generation experimentiert lieber und legt sich ungern fest. Mit Mitte Zwanzig schon Berufung, Partner und Heimat gefunden zu haben wird immer seltener. Schließlich bestehen großen Änderungen in diesen Bereichen vor.

 

Ewig in einem Beruf zu arbeiten wird wohl kaum einer der heutigen Berufseinsteiger. Wenn er Glück hat findet er wie ich eine Berufung in der Selbstständigkeit und kann seinen eigenen Weg bahnen.

Auch das traditionelle „Heirat, Haus, Kind“-Modell wird in Zeitalter von Tinder & Co. immer mehr kritisch beäugt. Den Partner zu wechseln bis der wirklich richtige gefunden ist (oder auch nicht) scheint in Mode zu kommen.

Und genauso wenig wie sich immer mehr Menschen auf eine Berufung oder einen Partner festlegen können, können sie es mit ihrer Heimat. Zwänge wie die zufällige Geburt sind der heranwachsenden Internet-Generation unbeliebt.

 

Sie fühlen sich im Netz zu Hause, nicht in ihrem Heimatland. Sie wollen für sich selbst ihre Identität definieren statt sie sich von einem Stück Papier vorschreiben zu lassen.

 

Diese Entwicklung kann man legitim kritisieren. Heimat in letzter Instanz ist aber der eigenen Identität und der sich daraus ergebenden Präferenzen unterworfen. Für mich wird der winzige Teil Deutschlands immer meine Heimat bleiben, in der der Großteil meiner Familie lebt. Von einer Heimat im kleinen Territorium, das von einem großen Territorium vereinnahmt ist, auf Heimat im großen Territorium zu schließen ist verkürzt.

Ich fühle mich als Herforder, aber nicht als Deutscher. Ich fühle mich als Konstanzer, aber nicht als Badener. Ich fühlte mich mal als Kiwi, die neuseeländische Wahlheimat ist nach 5 Jahren Abwesenheit aber bereits weitgehend verblasst. Im Moment kann ich mich sehr als Malteser identifizieren, auch wenn ich das nötige Kleingeld zum Kauf der Staatsbürgerschaft in Höhe von 700.000€ noch längst nicht beisammen habe. In Zukunft werde ich vielleicht andere Orte ins Herz schließen, während andere sich daraus verabschieden. Eine feste Basis in einem Land ist dabei keine zwingende Vorraussetzung. Letztens sind es die persönlichen Erfahrungen und sozialen Beziehungen in einem Land, die es als Heimat fühlen lassen. Ob es eine Heimat, drei Heimaten oder zwanzig Heimaten sind. Keine Heimat zu haben kann ich niemanden abnehmen. In dem Fall hat derjenige sie nur noch nicht gefunden.

 

Was ist für Dich Heimat? Lässt Du dir Deine Identität über ein Stück Papier eines Landes definieren, in das Du zufällig hineingeboren wurdest?

 

Sebastian wünscht sich am Ende seines Artikels darüber nachzudenken, wofür Du dankbar bist. Doch ist es wirklich das scheinbare „Glück in Deutschland geboren worden zu sein“?

Diese Frage kannst Du Dir nur selbst beantworten. Für mich ist es eher ein Pech. Wer mir das nicht abnehmen mag, dem verweise ich in Stimmung fröhlicher Apokalypse auf den leider schon begonnenen Verfall Deutschlands. Denn so wenig ich mich als Deutscher fühle, desto mehr fühle ich mit den Deutschen mit, die vor immer unerträglich werdenden Zuständen die Schnauze voll haben. Ich möchte Dich daher ermuntern selbst zu hinterfragen, ob Du für so etwas dankbar sein kannst und warum.

 

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